Leitfaden

1. Zielsetzung

Von klein auf sind wir Menschen eigenständige Persönlichkeiten mit individuellen Fertigkeiten, Fähigkeiten, Neigungen, Handlungsmöglichkeiten, Eigenschaften und Gefühlen.

Wir sind ein Produkt unserer Veranlagungen, Erfahrungen und Erziehung. Die entscheidenden Bindungen erhalten wir durch die Erziehung in der Familie. Die Pädagogik der Kleinkindergruppe „Schmetterlinge“ ergänzt und unterstützt diese Erziehung, ersetzt sie aber nicht.

Unser Anliegen ist es, den uns anvertrauten Kindern Raum zur freien Entfaltung und Entwicklung ihrer Persönlichkeit zu bieten. Wir helfen ihnen dabei, indem wir Situationen schaffen, in denen Kinder die Möglichkeit finden, sich gemeinsam mit anderen Kindern und mit der aufmerksamen Begleitung der Erwachsenen selbstbestimmt, kreativ und phantasievoll mit ihrer Realität auseinander zu setzen und adäquate Spiel- und Lernformen selbst zu finden.

2. Ankommenszeit

Ein vorherrschendes Thema von Kindern im zweiten Lebensjahr ist die beginnende Loslösung von den Eltern und die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit.

Die Aufnahme des Kindes in die Kleinkindergruppe ist ein großer Schritt aus seinen bisherigen vertrauten Lebensgewohnheiten heraus in eine neue, noch unbekannte Umgebung. Diesen Schritt unter der einfühlsamen Obhut und Begleitung der Eltern zu tun, ist von großer Bedeutung auch für spätere Bindungs- und Loslösungsprozesse. Für die Zeit des Ankommens erwarten wir daher, dass die Eltern am Anfang in der Gruppe mit anwesend sind, ihr Kind begleiten und sich dann allmählich für immer längere Zeitspannen aus der Gruppe zurückziehen.

Aus dieser sicheren Bindung können die Kinder zunächst die neue Umgebung erkunden und eine Beziehung zu den Erzieherinnen und den anderen Kindern aufbauen.

3. Tagesablauf

Wir legen Wert auf einen klar strukturierten Tagesablauf mit regelmäßig wiederkehrenden Ritualen. Dies macht den Vormittag für die Kinder überschaubar und vermittelt ihnen Sicherheit und Geborgenheit.

Eine detaillierte Beschreibung können Sie auf der Seite „Tagesablauf“ nachlesen.

4. Schwerpunkte der pädagogischen Arbeit

Wichtige Themen in der Entwicklung von Kindern im zweiten Lebensjahr sind die Erweiterung und Verfeinerung ihres Bewegungsrepertoires sowie ihrer Sinneswahrnehmung, der beginnende Spracherwerb und der Kontakt zu Gleichaltrigen. Daraus leiten wir die Schwerpunkte unserer pädagogischen Arbeit ab:

a) Förderung der Sensomotorik

Jedem gesunden Kind wohnt ein natürlicher Bewegungs- und Forscherdrang inne. Über die Bewegung machen die Kinder entscheidende Lernerfahrungen über sich selbst und ihre Umwelt. Bewegung hilft ihnen zu einem sicheren Körpergefühl, einer guten Körperkoordination und zu einer sicheren Vorstellung dessen, was ihr Körper ist und kann. Indem sie sich bewegen, verschiedene Dinge und Materialien berühren und mit ihnen hantieren, schulen sie ihren Gleichgewichtssinn, die Tiefenwahrnehmung und die Berührung ihres Körpers und fördern damit gleichzeitig die gute Verarbeitung sämtlicher Sinneseindrücke aus ihrer Umgebung.

Bewegung ist der Motor jeglicher Entwicklung und jeglichen Lernens. Bewegungsangebote und Hilfen zum Selber-Tun nehmen daher einen breiten Raum im Gruppenalltag ein: im Spielzimmer und vor allem in unserem extra eingerichteten Bewegungszimmer, dem sogenannten Höhlenzimmer, mit einer Bewegungs- und Kletterlandschaft sowie einem Bällebad. Im Garten, auf unseren Spaziergängen und beim VfL lernen die Kinder verschiedene Bewegungsmöglichkeiten kennen, probieren sie aus und erlernen sie. Im Sandkasten, beim Bohnenbad, beim Kneten und beim Experimentieren mit Farbe sollen den Kindern vielfältige Wahrnehmungsreize für die Haut geboten werden, die sowohl die Grob- als auch die Feinmotorik fördern.

In der Pflegesituation, beim zweiten Frühstück oder beim Anziehen für den Spaziergang sollen die Kinder so weit wie möglich selbst mithelfen können. Sich selbst die Hände zu waschen, Getränke einzuschenken oder die Hausschuhe allein auszuziehen, gehört ebenso dazu wie vieles mehr.

Wenn beim Spiel ein Problem auftaucht, ein Kind zum Beispiel nicht an das gewünschte Spielzeug im Regal heranreicht oder ihm ein Spielzeug unter den Tisch gefallen ist, wird es dazu ermuntert, seine eigene Lösung zu finden.

Durch den Erwerb eines guten und sicheren Körperbewusstseins ist das Kind auch in der Lage, sich gut im Raum zu bewegen, auf seine Mitmenschen zuzugehen und mit ihnen in Kontakt zu treten.

b) Wöchentliches Bewegungsangebot (VfL Herrenberg)

Seit Herbst 2022 besteht eine Kooperation mit dem VfL. Einmal pro Woche findet mit allen Kindern ein Bewegungsangebot in der Turnhalle statt. Dabei werden die Kinder von ihren Erzieherinnen sowie einer speziell geschulten Jugendleiterin des VfL begleitet. Durch das Bewegungsangebot erfahren sie Freude an der Bewegung, erlangen Sicherheit in ihrer Bewegungsmotorik und bauen Selbstvertrauen und Sicherheit in ihr Tun auf.

c) Förderung der Sprachentwicklung

Kinder sind neugierig und unternehmungslustig. Sie versuchen nicht nur alle Dinge in den Mund zu nehmen, sie nehmen auch unsere Wörter und Laute in den Mund, versuchen sie nachzuahmen und wiederholen vieles, was sie hören. Dies ist in den ersten zwei Lebensjahren ein aktiver Schritt zum Sprechenlernen. So entstehen schon erste kleine Dialoge der Kinder untereinander.

Im Freispiel schaffen wir für die Kinder Spiel- und Kommunikationssituationen mit Gleichaltrigen. Der tägliche Sitzkreis beginnt immer mit demselben Begrüßungslied, bei dem jedes Kind persönlich angesprochen wird und die Kinder miteinander namentlich vertraut gemacht werden. Daran schließen sich wiederkehrende einfache Fingerspiele, Lieder oder Handgestenspiele an. Oft sind es diese Inhalte, die dann zu Hause erstmals reproduziert werden. Beim gemeinsamen Bilderbuchbetrachten werden einzelne Gegenstände gesucht, gefunden und benannt oder in kurze Handlungsabläufe gestellt, die es den Kindern später auch ermöglichen, kleinen Geschichten zu folgen. Auch geben wir den Sprechabsichten der Kinder genügend Raum, indem wir die kindlichen Äußerungen aufgreifen und adäquat reagieren.

Das Spielmaterial bei den „Schmetterlingen“ unterstützt die Kinder dabei, sich zunächst mit einfachen symbolischen Handlungen spielerisch mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen. Somit gelingt den Kindern ein verbessertes Verständnis für Sprache als Voraussetzung dafür, sich differenzierter sprachlich mitteilen zu können.

Indem die Erzieherinnen im täglichen Umgang ihre eigenen sowie die Handlungen der Kinder sprachlich begleiten, können Kinder die Bedeutung der Begriffe besser verstehen und erwerben.

Bei den älteren Kindern initiieren wir Rollenspiele als weiteren Baustein für die sprachliche Auseinandersetzung mit anderen Kindern.

d) Förderung des sozialen Lernens

Die Kinder sind in einem Alter, in dem ihnen das Zusammensein mit erwachsenen Personen nicht mehr ausreicht und in dem sie zunehmend Interesse an Beziehungen mit Gleichaltrigen haben.

Die Kleinkindergruppe bietet den Kindern die Möglichkeit zu vielfältigen und wichtigen Erfahrungen mit Gleichaltrigen. Bereits in diesem Alter beeinflussen sich die Kinder gegenseitig und lernen voneinander. Die Kontakte zu Gleichaltrigen bieten ein ideales Übungsfeld, um die Wirkung eigener Verhaltensweisen auf andere zu beobachten und diese aufeinander abstimmen zu lernen. Sie tragen somit wesentlich zur Entwicklung des Selbstbildes und des Selbstwertgefühls bei.

In der Freispielphase kommt es bei den jüngeren Kindern in der Gruppe neben dem Einzelspiel auch häufig zum Parallelspiel. Dabei spielen die Kinder in unmittelbarer Nähe nebeneinander. Sie erleben erste Formen des Zusammenspiels, indem sie einander zuschauen, sich durch die Spielatmosphäre gegenseitig „in Gang“ halten oder versuchen, ihr Spielzeug zu tauschen. Typisch für dieses Alter ist, dass der Tausch nicht klappt und es zum Konflikt kommt. Vom Entwicklungsstandpunkt aus sind solche Besitzkonflikte durchaus positiv. Die Kinder machen zum ersten Mal Erfahrungen darüber, welche Eigenschaften Gleichaltrige haben. Mit Unterstützung der Erzieherinnen lernen sie zunehmend abzuwechseln, zu teilen, abzuwarten und Absprachen zu treffen. Wir vermitteln ihnen grundlegende Regeln im Umgang mit anderen, zum Beispiel nicht zu schlagen, zu schubsen oder zu kneifen, sondern eigene Wünsche so weit wie möglich mündlich zu artikulieren.

Im dritten Lebensjahr kommt es im Freispiel auch schon zu ersten selbstorganisierten Spielen in der Kleingruppe, bei denen die Kinder untereinander die Spielregeln selbstständig abstimmen.

Die differenzierte Raumgestaltung mit verschiedenen Spielbereichen und Rückzugsecken sowie das vielfältige Spielmaterial für Konstruktions-, Bewegungs- und Rollenspiele fördert – neben der geistigen und motorischen Entwicklung – auch das soziale Lernen in der Gruppe während der Freispielphasen.

Ein weiteres soziales Lernfeld sind die gemeinsamen Gruppenaktivitäten im Tagesablauf. Im Morgenkreis nehmen die Kinder bewusst wahr, welche Kinder da sind, und lernen die Namen der anderen Kinder kennen. Sie ahmen das Vorbild der Erzieherinnen, aber auch der älteren Kinder beim Singen und bei kleinen Kreisspielen nach. Beim gemeinsamen Vesper hat jedes Kind seinen festen Essensplatz. Die kleine, für die Kinder überschaubare Tischgemeinschaft bietet gute Voraussetzungen, um entspannt zu essen und kleine Erlebnisse zu erzählen. Die Kinder lernen erste Gruppenregeln, zum Beispiel so lange sitzen zu bleiben, bis alle Kinder am Tisch fertig sind.

5. Erziehungspartnerschaft

Selbstverständlich findet die Umsetzung dieser pädagogischen Ziele stets am jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes orientiert statt und es gibt einen engen Austausch darüber mit den Eltern.

Dazu laden die Erzieherinnen zu verschiedenen Gesprächssituationen ein. Gemeinsam klären wir, wie weit das Kind nach dem Ankommensprozess mit der Einrichtung vertraut ist, wo seine persönlichen Stärken und Interessen liegen und welches seine nächsten Entwicklungsschritte sein werden. Die weiteren Entwicklungsgespräche haben das Ziel, den aktuellen Stand der Entwicklung festzustellen und eventuell notwendige Unterstützungsmöglichkeiten zu finden. Im Abschlussgespräch schauen wir gemeinsam auf die Zeit bei den Schmetterlingen und auf die Entwicklung zurück, die das Kind dabei vollzogen hat.

Neben diesen verbindlichen Gesprächen sind jederzeit weitere Gespräche möglich, die den aktuellen Entwicklungsstand des Kindes darlegen und die Arbeit in der Gruppe transparent machen sollen.

Als weitere Möglichkeit kann die Marte-Meo-Methode zur Entwicklungsunterstützung angeboten werden. Anhand von kurzen Filmsequenzen aus Alltagssituationen eines Kindes haben die jeweiligen Eltern die Möglichkeit, eigene Entwicklungsprozesse im Alltag anzuregen und ihr Kind in seiner Entwicklung sinnvoll zu unterstützen.

6. Zum Abschluss

Wir hoffen, dass unser pädagogischer Leitfaden Ihnen viele Fragen beantworten kann und Ihnen einen guten Einblick in unsere Arbeit gibt.

Da wir auch in Zukunft den jeweiligen aktuellen Bedürfnissen sowie der fortschreitenden Entwicklung der Hirnforschung und Neurobiologie gerecht werden wollen, wird es immer wieder Veränderungen in unserer pädagogischen Arbeit geben.

Daher kann und soll unser pädagogisches Konzept nichts Endgültiges sein und wird regelmäßig überprüft und gegebenenfalls verändert.